Stoppt die AKWs! – Jetzt sind es noch genau 360 Tage …

… bis zum 26. April 2016, dem 30. Gedenktag an die nukleare Katastrophe von Tschernobyl. Was hat die Menschheit und insbesondere was haben die PolitikerInnen und Verantwortliche aus der Wirtschaft in den dann vergangenen 360 Monaten getan, um das ungeheure “Spiel mit dem Feuer” Atomkraft zu beenden?

Die Bevölkerung hier im Südwesten hat seit Wyhl 1975 ein erhöhtes Bewusstsein und Protestpotential entwickelt. So kamen auch am vergangenen Sonntag, dem Tschernobyl-Gedenktag 26. April 2015, wieder tausende von DemonstrantInnen nach Fessenheim, um dort beim AKW an die Gefahren der Atomkraftnutzung zu erinnern.

Dort hielt Dr. Rudolf Rechsteiner aus Basel, der bei TRAS, der trinationalen Klagegemeinschaft gegen das AKW Fessenheim aktiv ist, eine beeindruckende Rede, die hier öffentlich zur Verfügung gestellt werden soll:

Fessenheim jetzt schließen – bevor die Katastrophe eintritt

“Liebe Atombewegte aus Frankreich, aus Deutschland und der Schweiz!

Tschernobyl – Heute vor 29 Jahren begann die Atom-Katastrophe von Tschernobyl. Dieser Unfall ist Zeugnis der Monstrosität der Atomtechnologie: Schätzungen der Opferzahlen reichen von mehreren 10.000 bis über eine Million (Anm. 1). Die Zahl der Opfer steigt weiter. Die angeblich friedliche Kernenergie wird absehbar mehr Menschentode verursachen als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

800.000 junge sowjetische Soldaten ohne adäquate Schutzanzüge wurden heute vor 29 Jahren zwangsrekrutiert. Ihre Dosismessgeräte während der Aufräumarbeiten funktionierten nicht oder wurden manipuliert.

Heute werden in Fukushima wiederum mittellose Menschen für gefährliche Aufräumarbeiten angeheuert. Beide Atomunfälle sind auch nach Jahrzehnten nicht bewältigt. Ihre Spaltprodukte werden auch in weiter Zukunft noch Krebs, Genmutationen und andere Gesundheitsschäden verursachen.

Fessenheim schließen
Wir, meine Damen und Herren, sind hier zusammengekommen, weil wir einen solchen Unfall in Fessenheim nicht wollen. Wir im Elsass, in Südbaden und in der Nordwestschweiz leben im Wartesaal einer möglichen, neuen Atomkatastrophe, wie ein Gefangener in einem texanischen Todestrakt, der seinen Hinrichtungstermin nicht kennt und hofft, mit dem Leben davon zu kommen.

Wir wollen nicht länger von völlig verantwortungslosen Regierungen geopfert werden. Wir sind hier aktiv, viele von uns seit Jahrzehnten, weil wir nicht willenlose Opfer der Geschichte sein wollen. Deshalb verlangen wir die sofortige Stilllegung von Fessenheim und die sofortige Stilllegung aller Schweizer Atomreaktoren.

Wir wissen ganz genau, dass dies angesichts der Überkapazitäten an Kraftwerken in Europa sofort möglich ist. Wir wissen, dass die Lichter nicht ausgehen werden. Und wir wissen, dass wir dank erneuerbaren Energien die Möglichkeit haben, in kürzester Zeit auf eine saubere Stromversorgung umzusteigen. Wir verlangen das Ende der Lüge, dass der Umstieg unmöglich oder zu teuer sei.

Nichts ist teurer als Menschenleben, Nichts ist teurer als ein Atomunfall. – Nichts ist schlimmer als debile oder korrupte Parteien, die in Bern und Paris den Umstieg verzögern, und ich kann Ihnen sagen, kein Land in Westeuropa ist punkto Parteien korrupter als die Schweiz, wo seit Jahrzehnten die Atomparteien SVP und FDP die Zügel in der Hand halten.

Warnung
An dieser Stelle muss ich eine Warnung aussprechen. Ich warne Sie vor dem falschen Glauben, die Aufsichtsbehörde würden uns vor Unfällen schützen.

Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben in der Schweiz eine Aufsichtsbehörde, die in Mühleberg ein Atomkraftwerk ohne Notkühlung weiterlaufen lässt. Das ENSI rechnet jedes Atomkraftwerk schön. Regierung und Parlamentskommissionen werden mit falschen Versprechungen von angeblich sicheren Atomkraftwerken in falscher Sicherheit gewiegt. Die Aufsichtsbehörden sind Täter und Richter in einem. Wir habe es hier nicht mit Dummköpfen oder Deppen zu tun. Nein. Es handelt sich um hart gesottene Strategen.

Es sind Technokraten auf falscher Mission. Ihre Mission lautet, die Atomenergie um jeden Preis zu erhalten, auch um den Preis von Tausenden von Menschenleben – unseren Menschenleben und um den Preis des Verlusts unserer Lebensräume. Diese Aufsichtsbehörden und die zuständigen Gerichte weigern sich, genau hinzuschauen und aus den bisherigen 5 Kernschmelzen weltweit die Konsequenzen zu ziehen.

In den letzten 40 Jahren erlitten von 435 in Betrieb stehenden Atomreaktoren statistisch fünf Reaktoren einen Super-Gau (Wahrscheinlichkeit p=1,15 Prozent). Für Basel mit fünf Reaktoren in der Schweiz und zwei Reaktoren in Fessenheim beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze 7 x 1,15 Prozent etwa 8 Prozent oder 1:12. Niemand von uns würde in ein Flugzeug steigen, wenn man mit 8 Prozent statistischer Wahrscheinlichkeit abstürzt. Diese Fluggesellschaften würden sofort gestrichen und erhalten innert weniger Stunden ein Flugverbot.

Wir verlangen ein Betriebsverbot für Fessenheim, Mühleberg, Leibstadt, Gösgen und Beznau.

Man kann das nicht länger wegdiskutieren: Atomkraftwerke sind Serientäter. Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima – eine Industrie mit 5 Kernschmelzen in den letzten 40 Jahren ist zum Serienmörder geworden. Und eines ist absehbar: weitere schwere Unfälle werden folgen, denn heute sind die Atomkraftwerke alt, der Stahl spröde. Die Sicherheitsvorrichtungen genügen modernen Standards längst nicht mehr. Wer solche Werke weiter laufen lässt, macht sich des eventual-vorsätzlichen Massenmordes schuldig. Es wäre Aufgabe des staatlichen Gewaltmonopols, Serientäter zu stoppen.

Monsieur Hollande, Wegschauen, das geht gar nicht! Machen Sie Ihr Versprechen wahr und schließen sie diese mörderische Maschine durch einen präsidialen Erlass. Es gibt genug Beweise. Nehmen Sie einfach die Empfehlungen der internationalen Atomenergie-Organisation IAEA, die empfiehlt, bei alten Reaktoren das ganze Spektrum möglicher Erdbeben zu berücksichtigen. Fessenheim steht auf einer seismischen Bruchstelle. Es gibt kein Gebiet nördlich der Alpen, das im Vergleich eine höhere Wahrscheinlichkeit eines starken Erdbebens aufweist. Die Empfehlung der IAEA genügt, um dieses Werk zu schließen, denn die Electricité de France hat nichts unternommen, was die Gefahr eines Super-Gau maßgeblich mindern könnte.

Die Kunst des Regierens, lieber Monsieur Hollande, besteht darin, Katastrophen zu verhindern, bevor sie sich ereignen. Wir wollen hier nicht länger Versuchskaninchen sein für verrückte Atomforscher und Technokraten.

Die gleiche Botschaft richte ich an die Aufsichtsbehörde ENSI in Brugg, an die dort versammelten Großmeister des Wegschauens, an die Weltmeister des Aussitzens uind der Intrige gegen Bürgerbeschwerden und gegen gerichtliche Überprüfungen an die hinter der Atomlobby stehenden nationalistischen und rechtsbürgerlichen Parteien, die sich schmieren lassen sich vordergründig als große Patrioten aufspielen. Es sind Scheinpatrioten, Marionetten von Christoph Blocher und des Großkapitals, die den Ausbau der erneuerbaren Energien seit Jahrzehnten blockieren.

Wie war das denn in Fukushima? Schon im Jahre 2002, Meine Damen und Herren, erschienen erste Studien von Tepco und die Aufsichtsbehörde NISA, die Tsunamis mit 15 Meter Wellenhöhe und schwere Erdbebenrisiken prognostizierten.

Was geschah dann? Die Aufsichtsbehörden ließen die Atomkraftwerke an der Küste einfach weiter laufen, erneuerten unzählige Bewilligung, wälzten kiloweise Papier und spielten auf Zeit. (Anm. 2)

Und die Aufsichtsbehörden in Frankreich und der Schweiz wiederholen genau diese Fehler, die in Japan gemacht wurden. Lernwille gleich null. Alles wird schön geredet. Und unter dem Druck tiefer Strompreise werden die Betreiber vor allen Nachrüstungen verschont, die substanziell etwas kosten würden.

Meine Damen und Herren, Deutschland und Italien – das sind die Atomnationen in Europa, die aus den bisherigen Atom-Katastrophen die richtigen Lehren gezogen haben: den raschen, gesetzlich terminierten Ausstieg.

Wer jetzt nicht handelt, um vermeintlich Geld zu sparen, wird mit weit größeren Rechnungen konfrontiert werden, wenn es zu einem weiteren Unfall kommt. Das gilt nicht nur für die Atomenergie, sondern auch für Erdöl, Gas und Kohle.

Profite heute, die Kosten den Kindern und Kindeskindern. Eine Generation hinterlässt nie dagewesene Altlasten. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat eine selbstsüchtige Generation die nachfolgenden Generationen derart radikal enteignet – mi durch Altlasten von biblischem Ausmaß, wenn ganze Landstriche dauerhaft zerstört werden oder im Meer versinken.

Die Kunst im Umgang mit Atomrisiken und Klimaerwärmung besteht darin, diese Anlagen rechtzeitig zu schließen, ob Kohle oder Atom, bevor die Katastrophe eintritt. Zeit ist der entscheidende Faktor, oder wie Gorbatschow sagte: Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.

  • Le nucléaire, chers et chères ami(e)s en France, le nucléaire c’est le contraire d’une affaire qu’on appelle la civilisation.
  • Le nucléaire c’est le synonyme de dettes cachées, d’une arriération permanente, d’une manque d’égards de son propre peuple et des peuples voisins.
  • La cour de comptes et les commission parlementaires françaises finalement ont révélé les coûts de l’aventure nucléaire qui fortement ne couvre pas ses frais.
  • Cette technologie est un impasse qui coûte très cher, même sans accident.
  • La conclusion du parlament de réduire le nucléaire de 75 à 50% est trop timide.
  • Les institutions de recherche françaises – ADEME – ont révélé que les renouvelables ne sont pas plus cher que le nucléaire.
  • Mais en réalité, c’est pire : l’éolien et le solaire coûtent la moitié du nucléaire, vu à compte complet.
  • Si on veut économiser de l’argent, il faut vommencer maintenant: Chaque toit un toit solaire, Chaque département ses éoliens
  • Et l’assainissement des maisons sera tout un programme contre le chômage.

Leider ist es mit den großen Stromkonzernen noch immer so: Ob Axpo oder Electricité de France, sie sind nur kreativ, wenn es darum geht, die erneuerbaren Energien zu verhindern. Trotzdem ist der Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien nicht aufzuhalten. Jeder Hausbesitzer, jede Gemeinde, jede Region dazu beitragen. Und wir sparen auf lange Sicht sehr viel Geld, wenn Solarstromanlagen und Windturbinen installiert werden.

Mein Appell an die EU Kommission und an das europäische Parlament: sorgen Sie dafür, dass der Wettbewerb im Stromsektor funktioniert, dass Atomkraftwerke nicht länger Staatsgarantien erhalten, die pro kWh doppelt so viel kosten wie die erneuerbaren Energien. Dass die Kohle eine Mindestabgabe für CO2-Emissionen zahlen muss. Lancieren Sie ein Investitionsprogramm für erneuerbare Energien statt die Wirtschaftskrise auszusitzen.

Hoffnung
Es gibt Grund zur Hoffnung. Heute mehr denn je. Unsere Bürgerbewegungen, ob in Gorleben, Wyhl, Kaiseraugst oder in Creys-Malville: Wir haben mit Widerstand, gewaltfreien Aktionen und Kreativität ganz Erstaunliches vollbracht, worauf wir stolz sein können.

Die Atomenergie ist heute weltweit diskreditiert. Die Atomstromerzeugung sinkt seit 2006, schon lange vor Fukushima. Atomkraftwerke ohne Subventionen sind kein Geschäftsmodell. Erstmals seit Beginn der Industriellen Revolution vor 200 Jahren gehen heute mehr Kraftwerke mit erneuerbaren Energien in betrieb als solche mit Kohle, Atomenergie oder Erdgas: Lasst uns auch im Elsass und in der Schweiz wie in Deutschland Fessenheim, Mühleberg, Beznau, Gösgen und Leibstadt durch saubere erneuerbare Energien ersetzen.

Wir wissen inzwischen, dass das geht. Und wir wissen inzwischen auch, dass das viel billiger ist als jeder neue Euroreaktor, Madame Royal. Investitionen – das bedeutet Arbeitsplätze: erneuerbare Energien – das bedeutet Wohlstand.

Fessenheim ist eine Atomzeitbombe. Wir wollen Fessenheim jetzt schließen, bevor diese Bombe explodiert. Dafür kämpfen wir, auf der Straße und mit unseren Stimm- und Wahlzetteln.

Lasst uns für Wohlstand sorgen, der nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen geht – mit einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien.”

 Petition bei Change.org unterschreiben

—————————————————

Anmerkungen/ Quellen:
(1) Janette D. Sherman-Nevinger, «Chernobyl. Consequences of the catastrophe for people and the environnement», Annals of the New York Academy Of science, Volume 1181

(2) Yomiuri Shimbun Ausgabe vom 27. August 2011

 

 

 

 

 

This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , . Bookmark the permalink.