Die Zeit ist reif für einen Umbruch im Bildungssystem

Nach den großen Ferien beginnt wieder die Schule und es werden turnusmäßig schulreife Kinder neu eingeschult mit dem aufrichtigen Wunsch: “Viel Glück mit der Schule!” – Aber wie ergeht es ihnen wirklich im Verlauf der Jahre? Wie viele SchülerInnen (oder auch LehrerInnen) fühlen sich nicht wohl im momentanen Bildungssystem? Manche(r) fragt sich, wie man das wohl ändern kann? Können die aktuellen globalen und gesellschaftlichen Probleme durch das gleiche Denken gelöst werden, durch die sie entstanden sind? Bereiten unsere Schulen wirklich auf das Leben und “die Zukunft” vor?

Was wäre, wenn sich die Menschen miteinander verbinden, um das aktuelle System auf den Prüfstand zu stellen? Denn Schule muss sich ständig weiterentwickeln, so wie wir Menschen es in der Regel ja auch tun. Das Leben heute ist anders als vor zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahren als wir, die heute den Großteil der Bevölkerung ausmachen, noch zur Schule gingen.

Ursprünglich sind Kinder neugierig, entdeckungsfreudig, kreativ, begeisterungsfähig, offen, aktiv und von innen heraus motiviert. In jedem Moment sind sie aufmerksam, lern- und wissbegierig und ständig dabei, sich etwas Neues anzueignen. Ihr Leben ist Lernen. Sie lernen krabbeln, laufen, sprechen und vieles mehr, ganz ohne Zeit- und Prüfungsdruck! Bereits im frühesten Alter üben sie unermüdlich und wollen selbstbestimmt und selbständig sein. All das geschieht ganz spielerisch aus der ihnen innewohnenden Neugier und Liebe dem Leben gegenüber. Sie wissen sehr genau, was sie wollen und was sie brauchen, sie sind spontan, ehrlich, mitfühlend, glücklich und leben ganz im jetzigen Moment.

Wie viel davon bleibt während und nach der Schulzeit übrig?
Nach Abschluss der Schule zeigt sich jedoch oft ein ganz anderes Bild. Viele Schulabgänger haben gelernt, bequem, faul, träge, lustlos, unmotiviert, unglücklich und passiv zu sein. Sie haben gelernt, die Verantwortung für sich selbst, ihr Leben, ihr Lernen und ihr Glücklichsein in fremde Hände zu geben. Und sie haben gelernt, dass sie das lernen müssen, was andere als wichtig erachten, und zwar für “die Zukunft”. Ebenso haben sie den Kontakt zum jetzigen Moment und zum spielerischen und offenen Leben durch das, was sie durch die Schule und Erziehung gelernt haben, weitgehend verloren. Sie sind geworden wie so viele von uns Erwachsenen. Wir haben ihnen “erfolgreich” unseren Ernst des Lebens beigebracht…

“Wären wir Erwachsenen offensichtlich glücklicher,
als die Kinder es vor der Erziehung und Bildung sind,
dann hätten wir vielleicht ein Recht darauf sie zu belehren.
Aber wir sind es nicht!” (Daniel Hess)

Einen klugen und inspirierenden Gedankenanstoß hat der Luzerner Daniel Hess als Begründer der Bewegung “Glücksschule” mit seinem Buch “Glücksschule – Glücklich leben & freudvoll lernen” vorgestellt. Es geht um nichts weniger, als das Glück ins Zentrum des Bildungswesen zu stellen.

Das Buch entwirft konkrete Visionen, wie die Schule – öffentlich oder privat – zu einem Ort werden kann, zu dem die Kinder voller Freude gehen und wo die Kinder ihren natürlichen Zugang zum bedingungslosen Glück behalten und vertiefen können. Es wirkt andererseits als Glücksschule für jede(n) einzelnen Leser(in) und behandelt Themen “Wie funktioniert Lernen?, Wie entsteht unsere Realität?, Woher kommen unsere Ängste?“. Daniel Hess beleuchtet in seinem Buch nicht nur das jetzige Schulsystem kritisch – ganz ohne erhobenen Zeigefinger – , sondern setzt bei den Ursprüngen an: er schreibt mit leicht verständlicher Sprache über Urvertrauen, Verbundenheit, Selbstbestimmung, Wahrnehmung und die Auswirkungen von Angst und Macht.

Das Buch ist empfehlenswert für Eltern, Großeltern, Pädagogen und Psychologen – für alle, die die jetzige Gesellschaft im positiven Sinne kritisch sehen und gern über den Tellerrand hinaus blicken. Für jeden, der offen für Neues und auf der Suche nach neuen Impulsen ist, bietet sich viel Raum zum Nachdenken und Beleuchten der eigenen Sichtweisen – auch durch gezielte Fragen zur Selbstreflexion.

Das Buch erfindet nichts Neues, sondern trägt umfassend Wissen aus Psychologie, Bewusstseinsbildung und Pädagogik zusammen. Es geht darum, wie wir unsere Kinder lernen lassen wollen. Und bei der Lektüre lernt auch der Erwachsene noch so einiges: Leserin und Leser werden durch “Vorfragen” auf das Buch eingestimmt: “Was motiviert dich hauptsächlich zu deinen Handlungen im Leben? Lebst du voll und ganz oder wartest du vielleicht noch auf etwas?“.

Viele Dinge klingen so selbstverständlich und intuitiv, da sie die eigenen Kinder ihren Eltern klar signalisieren. Zufriedene, glückliche Kinder brauchen weder Ganztagsschule, noch 3 Fremdsprachen, noch 4 Hobbies pro Woche. Sie brauchen Nestwärme, soziale Kontakte, Austausch mit den Eltern, Spielzeit.

“Wenn Menschen sich wirklich wohl und respektiert fühlen, dann werden ungeahnte Kräfte in ihnen frei, ganz egal ob in der Schule, in einer Firma, Familie oder allgemein bei zwischenmenschlichen Kontakten!”

Was auch immer wir im Leben erreichen oder gewinnen, möge es noch so toll oder wertvoll sein, hilft uns in keiner Weise weiter, wenn wir dabei nicht glücklich sind. Wünschenswert sind innere Integrität, Vertrauen, Flow und Verbundenheit, Freude, klärende Kommunikation.

Wenn Menschen sich verbunden fühlen, mit sich selber und mit ihrer Umwelt, sind sie liebevoll, offen und glücklich. Kleine Kinder sind zumeist unbeschwert und ihre Herzen noch ganz weit offen für all die Wunder und Schönheiten dieser Welt. Die Mehrzahl der Erwachsenen dagegen erlebt eine Welt der Trennung, der Angst und der Macht, die sie dann über Erziehung und Schule als “kulturellen Filter” an die Kinder weitergibt. Auf  übersteigertes Leistungsdenken oder gar Manipulationen im Lernprozess reagieren sehr viele Kinder mit Schutzpanzern und Schulangst. Daniel Hess plädiert für ein vielleicht gewöhnungsbedürftiges Verständnis von Unterricht ohne Bewertung und Zwang. Könnte das Erlernen der Kulturtechniken Schreiben, Lesen und Rechnen nicht auch Spiel sein? Kinder wollen lernen und dafür brauchen sie Freiheit, Vertrauen und liebevolle Beziehungen.

“Ich wünsche mir eine neue Haltung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, in der wir sie in ihren Projekten und Zielen respektvoll begleiten und ermutigen. Junge Menschen brauchen vor allem Vertrauen und erwachsene Bezugspersonen, die wirklich in Beziehung treten zu ihnen, ohne Machtanwendung und Druck.
Meine Erfahrung als Lehrperson hat mir gezeigt, dass Lernen dann am erfolgreichsten ist, wenn die Lernenden in alle für sie wesentlichen Entscheidungen einbezogen werden, sodass sie die Verantwortung für ihr Lernen und Leben übernehmen können. Ich weiss, dass wir Erwachsenen Lebenserfahrung haben und Kinder noch kaum, aber diese basiert zu oft auf einschränkenden Überzeugungen. Wir haben uns eine enge und strenge Welt geschaffen, mit viel Stress und Burn-out, mit Menschen, die nicht glücklich sind, die Depressionen haben und Angststörungen. Viele Eltern kommen zu mir, weil ihr Kind am Anschlag ist und sie nicht mehr weiter wissen. Wir brauchen eine Lösung für diese Probleme und ich behaupte, die Glücksschule kann eine sein.” (Daniel Hess)

Es ist weniger ein einzelner konkreter Ort gemeint, bei dem Projekt Glücksschule handelt es sich vielmehr um eine Bewegung, die an möglichst vielen Schulen im ganzen deutschsprachigen Raum das Glücksschul-Konzept umsetzen möchte. Der Ansatz der Glücksschule soll dabei zunächst als Pilotprojekt parallel zum bestehenden System an der öffentlichen Schule installiert werden.  Eltern sollen möglichst frei wählen können, welches System sie sich für ihr Kind wünschen. Für die Umsetzung dieser Ideen setzt sich der Verein IG Glücksschule ein.

Die natürlichen kindlichen Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit, Offenheit, Kreativität und Neugierde und die Fähigkeit zum Glücklichsein zu erhalten, sollte stets unser oberstes Ziel im Umgang mit Kindern sein! Denn diese ursprünglichen Qualitäten sind die wichtigsten Ressourcen der Menschen und der gesamten Gesellschaft. Schule soll für Kinder also im wahrsten Sinne des Wortes Glücksschule sein, sie sollen mit Begeisterung und Freude in die Schule gehen und genauso wieder von dort zurückkommen. Das ist das wichtigste Ziel des Umbruchs unseres aktuellen Schulsystems zur Glücksschule! Warum denken die Menschen, dass Angst und Zwang einen Platz in der Schule haben dürfen? Oder für einige sogar müssten? Das 200 Jahre alte “Dressursystem” gehört abgelöst! Damit die Kinder von heute morgen eine Welt gestalten können, in der man noch staunen und lachen und glücklich sein kann 🙂

Die Kinder werden uns danken, wenn sie endlich tun dürfen, was ihnen am Herzen liegt. Sind wir bereit für ein Leben, in dem das Glück im Zentrum steht? Die Kinder sind es schon längst.

Daniel Hess wuchs als jüngstes von sechs Geschwistern auf einem abgelegenen Bauernhof inmitten der Natur im Kanton Luzern/Schweiz auf. Nach dem Abschluss des Psychologie-Studiums arbeitete er mehrere Jahre als Berufsschullehrer für Erzieherinnen. Der Autor ist in der Erwachsenbildung tätig, Berufsschullehrer und Coach.

Daniel Hess: Glücksschule – Glücklich leben und freudvoll lernen.
Novum Verlag, 2015, 388 Seiten, € 19.90  (e-Book € 11.99)

Zum Projekt: www.gluecksschule.ch
Zum Autor: www.danielhess.ch

“Das Glück liegt in der wahren Begegnung mit dem jetzigen Moment und wenn wir uns nicht in angsterfüllten Gedanken über später oder früher verlieren.” (Daniel Hess)

Materialien bei Freiburg im Wandel zum Spektrum “Bildungswandel”

This entry was posted in Allgemein and tagged , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.